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24.07.2010

by - Juli 31, 2010

Tippfehler bitte ungeniert melden! Die entstehen bei so einem langen Text schnell mal.

Es ist ca. 10:00 als ich aufwache. Eine rießengroße Vorfreude überkommt mich bei dem Gedanken, in wenigen Stunden auf einer der größten Technoparaden der Welt zu sein. Wir wollten erst gegen Abend auf die Parade, ich finde Vormittags bzw. Mittags fehlt da einfach noch das gewisse etwas. Wir planten gegen 16:00 loszufahren. Bis ca. 11 Uhr stand ich vor dem Spiegel und hab mich zurecht gemacht.

Um 11:30 trafen Julian, Daniel und ich uns dann das erste mal unten beim Essen. Wir nahmen uns vor nach dem Mittagessen ein bisschen in Duisburger Stadt zu fahren um noch etwas einzukaufen etc. Etwa um 15:00 fuhren wir nochmal zum ETAP zurück um die gekauften Sachen abzustellen. Ich telefonierte dann nochmal mit meinen Eltern und erzählte ihnen dass wir jetzt gleich losgehen werden. Ich erinnere mich noch wie mein Papa sagte:“Ich wünsch dir ganz viel Spaß und pass auf dich auf!“ – danach beendeten wir das Gespräch.

Gut gelaunt machten wir uns auf den Weg zum alten Güterbahnhof. Unterwegs war schon die Hölle los, wie immer auf der LP, unglaublich viele Menschen! Wir fuhren ein Stück mit dem Bus, und dann gegen 15:50 waren wir endlich da. Es sollte der perfekte Tag werden, aber es wurde zu einer absoluten Katastrophe. Bitte verzeiht mir, wenn ich beim schreiben dieser Zeilen im Augenblick weine.

Es ist 16:00 als wir in Richtung Rampe gehen. Am anfang kamen wir wirklich gut durch, dann wurde es immer dichter. Mir fiel eine Kette von Polizisten auf, welche sich am Rand aufgestellt hatte. Es ist ca. 16:15 als ich bemerke dass sich im Tunnel immer mehr Menschen aufhalten. Nichts geht mehr vorwärts, von beiden Seiten drücken Menschen, zum einen die Leute die rauswollen, auf der anderen Seite die, die reinwollen. An den Seiten stehen Absperrgitter, u.a. eins vor der Notfalltreppe. Ich merke dass immer mehr Menschen aus dem Festgelände kommen, der Druck von oben wird immer größer. Ca. 5 Minuten später wurden die Absperrungen von den Leuten die von unten kamen durchbrochen, so prallte nun alles aufeinander. Ich merke wie immer mehr Menschen enger zusammen kommen. Ich halte mich verzweifelt an Julian fest damit wir uns nicht verlieren. Julian fragte mich ob ich auf seine Schultern möchte, aber ich lehnte ab. Mittlerweilen wurde es zu einer richtig bedrängenden Enge. Mir fiel es aufgrund meiner recht kleinen Körpergröße immer schwerer zu Atmen. Ich klammerte mich an Julian fest und legte meinen Kopf in den Nacken. Mir wurde schwindlig und schlecht. Ich weiss noch genau wie Julian die nerven verlor und ein verzweifeltes „Was wird das denn hier“ in die Menge schrie. Die Menschen werden panisch, alles rammt sich gegenseitig weg und probiert sich selbst Platz zu schaffen. Ein lauter Knall ertönt in meinen Ohren. Ein paar Menschen haben die Gittern an den Seiten umgeworfen und versuchten nun die Notfalltreppe hinaufzuklettern. Ich sehe eine junge Polizistin oben auf der Treppe stehen. Sie hilft den Leuten nach oben. Eine bewusstlose Frau wird von ein paar Leuten hochgehoben und die Notfalltreppe heraufgezogen. Nach meinen Informationen war sie zu diesem Zeitpunkt schon tot. In meinen Ohren höre ich die ganze Zeit den Bass von den Floats. Es ist ein abartiges und makaberes Szenario. 200 Meter weiter feiern gerade wahnsinnig viele Menschen, und hier sterben sie im Augenblick. Zu dem zeitpunkt war mir nicht bewusst in was ich da wirklich gefangen war. Ich konnte nicht nachdenken denn ich musste es erstmal schaffen mich überhaupt bei bewusstsein zu behalten. Mir wurde unglaublich heiss, ich sah alles nurnoch in sehr komischen verschwommenen Farben. Ich musste mich immer wieder zusammenreissen nicht umzukippen. Ich bemerkte wie die Polizeiabsperrungen oberhalb von uns aufgelöst werden. In diesem Moment geht ein lauter Aufschrei durch die Menge, wie eine Welle geht durch uns. Alle werden ca. 1-2 Meter einfach nach hinten gedrückt. Ich kann mich nicht länger an Julian festhalten und falle hin. Sofort spüre ich tritte überall an meinem Körper. Das letzte was ich mitbekommen habe ist, dass ich einen Tritt direkt gegen den Kopf bekam. Dann verlor ich das bewusstsein.

Julian H.: Ich merkte diesen unglaublichen Schwung der mich mitriss, ich fiel fast hin und verlor dabei Christine. Ich rief nach ihr, wollte ihr hochhelfen aber wurde sofort wieder nach hinten gedrückt. Die Situation war wirklich grauenhaft. Ein solches Gedränge, geschreie, eine solche Angst habe ich noch nie in meinem Leben erlebt. Ich wusste dass Christine jetzt irgendwo am Boden liegt, und ich wusste auch dass das nicht gut ausgehen kann bei diesen Massen an Menschen. Ich versuchte die ganze Zeit wieder nach vorne zu kommen um ihr zu helfen doch das war unmöglich. Ich schreibe wirklich mit stolz dass ich geweint habe. Geweint um eine Freundin der ich trotz der nähe zu ihr nicht helfen konnte. Es hat mir unglaublich wehgetan zu wissen dass sie eventuell gerade überrannt wird. In dem Moment war mir diese Tatsache auch sehr bewusst. Ich wurde richtung Treppe getrieben. Ich versuchte mich immer weiter an den Rand vorzuarbeiten, denn da gab es die größten Chancen. Mein Problem war dass ich mit Christine wirklich sehr zentral war. Nach einem wirklichen Kraftakt war ich der Treppe ziemlich nah. Ich tat mich mit einigen umstehenden zusammen um uns gegenseitig die Treppe hochzukriegen. Das hat auch geklappt, ein Feuerwehrmann hat mir auch sofort geholfen als ich oben auf der Treppe war. Ich sagte zu ihm dass eine Freundin von mir da drin sei, und sie wäre hingefallen. Man müsste unbedingt sofort was machen. Der Feuerwehrmann versuchte mich zu beruhigen doch das konnte ich nicht. Ich schrie ihn an dass er unbedingt die Masse da unten irgendwie auseinander kriegen muss. Die Polizei konnte in diesem Moment auch nicht sonderlich viel machen. Der Feuerwehrmann brachte mich zu einem Arzt. Ich bemerkte dann wie die Polizei langsam in die Menge trat und alles etwas „auseinanderriss“. Es gingen dann langsam die Meldungen rum dass es Tote im Tunnel gibt, und dann merkte man dass plötzlich alles nach unten ging. Die menschen die von unten aufs Gelände kamen drehten um und die ganze Masse die sich vorher selbst gegenseitig gestaut hatte ging in eine Richtung, nämlich nach draussen. Endlich konnten die Notärzte den Menschen die dort im Tunnel und davor lagen helfen. Es waren immernoch unglaublich viele Leute auf der Rampe, aber lange nichtmehr so viele wie zu der Zeit als ich Christine verlor. Die Ärzte und Polizisten deckten einige Menschen mit Planen ab. Ab diesem Zeitpunkt entfernten sich fast alle Menschen. Ich lief durch diese Filmreife Szenerie und suchte nach Christine. Ich schaute in die Gesichter der Toten in der Hoffnung Christine nicht unter einer dieser Planen zu finden. Es sah aus wie im Krieg. Überall lagen Getränkeflaschen, Handtaschen, Geldbörsen, Handys, Kleidungsstücke und Müll herum. Ich suchte nach irgendetwas, was ich Christine zuordnen konnte, aber fand nichts. Ein Polizist nahm mich dann mit. Ich flippte völlig aus, schrie rum, einfach aus der Angst nicht zu wissen wo Christine ist. Ich sprach mit einigen Leuten von der Polizei, von der Malteserhilfe und einigen Sanitätern. Ich suchte nach Christine, ging die Krankenhäuser ab. Mein Tshirt war am ärmel aufgerissen und komplett verdreckt. Im Gesicht hatte ich einige Kratzspuren von anderen Leuten. Ich wurde in keinem Krankenhaus fündig. Gegen Mitternacht holte mich ein Freund ab und lies mich zu sich nach Hause. Er wohnt in Düsseldorf. Als wir dort waren rief ich den Freund von Christine an und berichtete ihm davon. Er war total aus dem Häusschen und setzte Himmel & Hölle in Bewegung um Christine zu finden. Via Twitter, Telefon uvm. versuchte er sie ausfindig zu machen. Er erzählte Christines Eltern von dem Unglück, welche es aber schon in den Nachrichten gesehen haben.

Christines Freund: Ich habe zusammen mit einigen Leuten in Twitter Suchmeldungen verfasst. Diese gingen auf Seiten wie http://www.Sonderlage.de oder http://www.ElternansNetz.de. Im Laufe der Nacht konnten immer mehr Menschen die von ihnen gesuchten Personen ausfindig machen, nur Christine tauchte nicht auf. Ich telefonierte alle Krankenhäuser in Duisburg ab, aber es gab keine Hinweise. Die Polizei konnte mir zu dieser Zeit auch keine Angaben machen. Ich stand die ganze Nacht in telefonischem Kontakt zu Christines Vater. Um 6 Uhr kam die erlösende Meldung: Christine ist in einem krankenhaus in Düsseldorf!

Weiteres folgt!

Geschrieben von: Christine Rubenbauer
mit Zitaten von: Julian H., meinem Freund(Anonym)

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From → Tagebuch

9 Kommentare
  1. Lisa permalink

    Ich glaube, ich bin nicht die Einzige, die einfach nur fassungslos und geschockt ist. Dass es zu soetwas überhaupt kommen konnte, ist meiner Meinung nach auf mangelnde Planungen und fehlende Logik auf Seiten der Veranstalter zurückzuführen.
    Und eben dieser kann froh sein, dass nicht noch mehr Menschen körperlich zu Schaden gekommen sind. Ganz abgesehen davon, dass viele auch psychisch total am Ende sind.
    An dieser Stelle Gute Besserung an dich, Christine und an alle anderen, die bei dem Drama verletzt worden sind. Ich hoffe, dass ihr alle schnell wieder auf dem Damm seid und das Geschehene wenigstens etwas verarbeiten könnt.
    Gute Besserung und viel Kraft…

    Beste Grüße

    Lisa B. aus BaWü

  2. Michael Hillinger permalink

    Da läuft einen ein kalter Schauer über den Rücken wenn man das lest.

  3. Svenja permalink

    Echt schrecklich!Das so zu lesen, lässt mir das Blut in den Adern gefrieren, meinen Atem stocken und es läuft mir (allein die Vorstellung, davon) eiskalt den Rücken runter.

    GOTT SEI DANK GEHTS DIR WIEDER BESSER!

    GLG Svenni

  4. Auch Tage nach dem Unglück bin ich einfach nur erschüttert.
    Als Loveparade-Besucher (fast) der ersten Stunde hat mich die Nachricht von dem Unglück fast aus den Socken gehauen, als ich davon im Urlaub in Österreich hörte. Und noch mehr habe ich mich über die Reaktionen seitens den „Verantwortlichen“ geärgert.
    So musste ich mir auch in meinem Blog Luft machen (http://www.bseplus.de/?p=1269). Auch wenn der Herr Schaller nun mittlerweile zu seiner Verantwortung zu stehen scheint – das was da abgeht ist in höchstem Maße unmoralisch.
    Ich wünsche Dir auf jeden Fall schnelle und gute Besserung und die besten Wünsche auch von meiner Familie!!

  5. Daphne permalink

    Ich hoffe sehr, dass Du das bewältigen wirst!!! LG

  6. Erika Singer permalink

    Hallo Christine,
    ich finde es gut das Du mit Deinem erlebten and die Öffentlichkeit gehst, und so versuchst es zu verarbeiten. Ich habe selber eine Tochter in Deinem alter und kann mir nicht vorstellen was ich machen würde wenn Ihr das passiert wäre.
    Ich arbeite im Sicherheitsbereich und wenn ich mir die ganzen Reportagen anschaue, dann kann man nur sagen das der fehler eindeutig bei den Sicherheitsleuten und bei der Polizei zu suchen ist.

    Ich wünsche Dir auf jeden Fall alles gute und viel Kraft. Es ist noch ein langer Weg bis Du wieder die alte bist.

    Lg aus nbg.

    Erika

  7. Nun ist es schon einen Monat her und doch hat der Schrecken nichts von seiner Intensität eingebüßt.
    Ich wünsche Dir und den Deinen sowie allen anderen Beteiligten und deren Angehörigen die Kraft, irgendwann das Geschehene verarbeiten zu können….

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  1. » Christine. Loveparade 2010. Erlebnisse
  2. Erinnerungen von Augenzeugen – zusammengefasst und verlinkt « Dokumentation der Ereignisse zur Loveparade 2010 in Duisburg

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